03.11.2010, 22:53
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Spieltag von A-Z

2:2 in letzter Sekunde - nicht einmal Webb stoppt dieses Madrid!

60 Minuten dominiert, aber am Ende nicht gewonnen. Viel Pech, aber auch Überheblichkeit reichte zum Schluss nur für ein 2:2-Unentschieden im Mailänder Hexenkessel. Es sollte ein europäisches Derby der Extraklasse werden, ein Spiel auf Augenhöhe - das Ergebnis spricht Bände, aber die Wirklichkeit sah anders aus. Real war überlegen, doch die mangelde Chancenverwertung der Spanier und ein „Oldie“ brachten die Kämpfer aus Mailand vor 80.000 Zuschauern im Guiseppe Meazza noch einmal zurück. Auch die Mithilfe des großzügigen Howard Webb, der ein klares Abseitstor der Italiener anerkannte, stellte das Spiel zwischenzeitlich völlig auf den Kopf...

Mourinho kehrt zurück - und zeigt die „Drei“

„Wir zeigen, dass wir stärker als Madrid sind“, tönte Milan-Star Zlatan Ibrahimovic noch vor dem CL-Kracher zwischen den Spaniern und Italienern. Die 0:2-Hinspielniederlage aus Sicht der „Rossioneri“ sollte heute gegen das „weiße Ballett“ aus Madrid wettgemacht werden. So kündigte der Trainer der Hausherren, Massimiliano Allegri, im Vorfeld ebenfalls an, dass man von der ersten Sekunde an Druck machen und das Spiel in die Hand nehmen werde. Von diesem „Feuerwerk“ war jedoch nichts zu sehen.

Externer Link„Wir sind besser als Real!“ - Nimmt ‚Ibra‘ den Mund zu voll?

José Mourinho blieb vor der Rückkehr an alte Wirkungsstätte ganz lässig und gab sich auch vor Anpfiff typisch entspannt. Kaum kam der 47-Jährige aus den Katakomben des Mailänder Hexenkessel, empfingen ihn die Zuschauer, dicht über der Trainerbank stehend, mit herablassenden Rufen und dem ein oder anderen „Mittelfingergruß“. Was machte der Portugiese? Er lächelte, zeigte den Anhänger der Italiener eine „Drei“ mit seiner rechten Hand. Die Botschaft an die gegnerischen Fans, mit seinem Ex-Klub und Milan-Stadtrivalen Inter Mailand letztes Jahr drei Titel geholt zu haben. Breit grinsend nahm er auf seiner bekannten Trainerbank Platz und schob sich den ersten Kaugummi in den Mund - lässiger geht's nicht. Und so lässig und befreit startete seine Mannschaft auch in das Spiel. Trotz der gigantischen Atmosphäre im San Siro, trotz der lauten Tifosi und trotz dem angekündigten „Feuerwerk“.

Real dominiert von Beginn an, aber trifft das Tor nicht

Die Startelf, bestehend aus Casillas, Ramos, Carvalho, Pepe, Marcelo, Khedira, Alonso, Özil, Ronaldo, Di María und Higuaín, wusste sofort, was zu tun war. Nach einer Viertelstunde hätte es schon gut und gern 2 oder 3 zu 0 für die Madrilenen stehen können. Milan schien von dem Tempo, dass die Königlichen an den Tag legten, vollkommen überrascht. Pepe, Higuaín, Di María, Ronaldo - sie alle hatten das erste Tor auf dem Fuß. Die frühe Führung war überfällig.

Doch sie kam nicht. Der Druck für Mailand war enorm, da es von Anfang an mit dem Tempo und der Technik der Madrilenen überfordert war. Hohe Bälle oder das ein oder andere harte Einsteigen waren die einzigen Mittel der Gastgeber. „Shootingstar“ Kevin Prince Boateng machte sich mit haarsträubenden Fehlpässen und  seinen Grätschen auf aufmerksam, weshalb es für die vielen Schaulustigen schon fast einem Wunder glich, dass der Unsicherheitsfaktor im Milan-Mittelfeld die ersten 45 Minuten mit  nur einer Gelben Karte überstand. Die Offensivstars um Ibrahimovic, Ronaldinho, Pato und Co. waren völlig abgemeldet, auch wenn Ersterer die einzig beiden wirklich hochkarätigen Chancen (in Minute 22 und 36) der Hausherren in Durchgang eins versiebte. Real münzte seine Überlegenheit nicht in Tore um, weshalb man sich schon kurz vor Abpfiff der ersten 45 Minuten mit einem 0:0-Pausenstand anzufreunden schien. 

Argentinische Koproduktion sorgt für verdiente Führung

Dennoch sorgte eine Aktion kurz vor der Pause für die hochverdiente Führung der Gäste aus Madrid. Nach einem Ballverlust von Boateng schnappte sich Ángel di María den Ball, zog von der rechten Seite mit links in die Mitte, und behielt die Übersicht, anstatt zu schießen. Der Argentinier sah seinen Landsmann Higuaín und spielte den perfekten Pass in die Schnittstelle - kein Abseits, Higuaín gab sich daraufhin keine Blöße und verwandelte mit einem satten Flachschuss ins linke untere Eck. Damit erzielte der 22-Jährige nicht nur die Führung, sondern auch das insgesamt 700. Tor in Reals Europapokalgeschichte. Und mit dem Tor kam auch fast schon der Halbzeitpfiff - zweifelsohne kam dieser Treffer genau zum richtigen Zeitpunkt, auch wenn es aus Sicht der Königlichen schon hätte 3:0 stehen können...wenn nicht sogar müssen! Schiedsrichter Howard Webb , der bis dato noch alles im Griff hatte, beendete das Geschehen dann auch vorübergehend und entließ die beiden Teams; das eine zufrieden, das andere geknickt, in die Kabine.

Erst ein 37-Jähriger bringt Milan auf Touren

Nach dem Seitenwechsel ergab sich erneut das gewohnte Bild aus Halbzeit eins. Madrid beherrschte Spiel und Ball, Mailand rannte nur hinterher. Auch die Fans waren mittlerweile nicht mehr ganz so euphorisch, da Real dem zweiten Tor und der Entscheidung näher war. Das sah auch Allegri, der nach 60 Minuten die Nase voll hatte und den schwachen Ronaldinho aus dem Spiel nahm. Für den enttäuschenden Brasilianer kam der 37-jährige „Pippo“ Inzaghi. Der „Oldie“ sollte Feuer in die Partie bringen und stürmte hochmotiviert auf den Rasen. Scheinbar zu motiviert, denn nur drei Minuten nach seiner Einwechslung hätte es eigentlich die rote Karte für den Routinier geben müssen. Nach einer Balleroberung der Madrilenen rammte er Xabi Alonso absichtlich beide Arme in den Rückken und auf den Hinterkopf und schubste ihn dazu noch weg. Howard Webb hatte freie Sicht, entschied aber nicht einmal auf den gelben Karton. Der „quirlige“ Inzaghi riss seine Teamkollegen mit seinem Einsatz mit, plötzlich wurde noch mehr gerannt und noch mehr gekämpft auf Seiten der bis dato ratlosen Italiener. Wenn es irgendeine Chance für Mailand gegeben hätte, dann über Kampf. Manchmal wurde es auch übertrieben, wie beispielsweise von Boateng oder Gattuso, die oft mehr als nur ein gestrecktes Bein hinhielten. Das Spiel nahm einen Wendepunkt innerhalb weniger Minuten, wenn der Ausgleich auch alles andere als in der Luft lag...

Ein Abwehrfehler und eine Fehlentscheidung drehen das Spiel

Aber er es kam was kommen musste. Diese mangelnde Chancenverwertung rächte sich tatsächlich, und das ausgerechnet durch Inzaghi. Acht Minuten nach seiner Auswechslung schlug die Milan-Legende zu - ein Gegentor, das nicht hätte fallen dürfen. Die Entstehung: Hoher Ball auf Ibrahimovic, der sich mit Pepe um das runde Leder stritt, Pepe wollte die Kugel wegschlagen, schlug stattdessen nur ein Luftloch. Ein böser Schnitzer, denn Ibrahimovic war nun frei auf dem Weg zum Tor. Casillas, der mit einer Flanke des Schweden rechnete, unterschätzte den Ball und konnte ihn während dem Hochspringen nur schwach abwehren. Zur Stelle im Fünfmeterraum war dann kein Geringerer als Inzaghi, der nur seinen Kopf hinhalten musste. Das San Siro, das sich zuvor fast zu einem Friedhof entwickelte, stand nun Kopf und bebte. Dieses Tor war vermeidbar, doch die Überheblichkeit Reals vor dem Kasten Abbiatis rächte sich.

Und jetzt war das Publikum wieder da. Hässliche Szenen folgten, das Spiel wurde spannender und hektischer. Böse Fouls, Laserattacken der Tifosi auf Trainer Mourinho; zudem explodierten Feuerwerkskörper auf der Südtribüne. Milan versuchte den Schwung mitzunehmen, auch wenn Ronaldo und Co., erzürnt durch diesen Rückschlag, auf die erneute Führung drängten. Es folgten immer mehr Foulspiele und der Schiedsrichter, der das WM-Finale zwischen Spanien und den Niederlanden leitete, verlor in gewisser Hinsicht auch den Faden. Man notiere die 78. Minute: Der AC Mailand, bis dato erst mit 5 Torschüssen, war „mal wieder“ aktiv in der gegnerischen Hälfte am Ball. Gattuso schlug den Pass über die rechte Seite in die Spitze, wenn auch zu spät. Oder etwa nicht? Alle Real-Verteidiger hoben die Hand, denn der freigespielte Inzaghi stand beim Pass von Gattuso fast einen Meter im Abseits. Webb ließ weiterspielen, dem Stürmer war's egal. Er schob den Ball  flach an Casillas vorbei, der zu spät rauskam - 2:1, die Lautstärke im Stadion war nicht in Worte zu fassen. Vom Spielverlauf her eine völlig unverdiente Führung für den italienischen Traditionsklub, auch weil das zweite Tor gar nicht hätte zählen dürfen. Doch so ist Fußball - und aus dem Nichts lag Real rund zehn Minuten vor Schluss hinten.

Am Ende siegt die Gerechtigkeit - León in letzter Sekunde

Trotzig und wütend über den Spielstand entwickelte sich ein heikles und spannendes Finish. So etwas hatte man sich eigentlich von dem europäischen Spitzenspiel erwartet, was über weite Strecken einem Trainingsspiel des Mourinho-Teams glich. Die Partie nahm eine irre Wende, denn Milan und Inzaghi hatten Real am Rande einer Niederlage. Die restlichen Minuten verbrachten die Mailänder mit Mauern und Schauspielern, so durften Ibrahimovic und Pirlo beide jeweils drei Minuten behandelt werden. Pedro León und Benzema, mittlerweile für Pepe und Higuaín eingewechselt, konnten zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Akzente setzen. Ronaldo und Özil, heute ohne große Vorstellung, versuchten es mit Verzweiflungsschüssen. Erst in der Nachspielzeit brach der Damm. Webb ließ aufgrund der vielen Unterbrechungen fünf Minuten nachspielen, Real war nun am Drücker. Ein Freistoß von der Mittellinie wurde zurück zu Xabi Alonso geblockt, der anstatt den Ball hoch in den Strafraum zu schlagen, den exzellent postierten Benzema sieht. Dieser leitete das runde Leder weiter auf León, der nicht lange fackelte und sofort abzog. Mit Glück ging der Ball durch Abbiatis Hosenträger in die Maschen. Grenzenloser Jubel auf Seiten der Königlichen, vor allem Mourinho ließ seiner Freude freien Lauf. Kurz nach dem Ausgleichstreffer wurde das Spiel verzögert durch die Einwechslung Raúl Albiols und ohne weitere Torchance beendet. Welch ein dramatisches Finish!

Externer LinkMourinho zum Spiel: „Wir sind fürs Achtelfinale qualifiziert!"

Dieses Real kann nicht verlieren - und steht im Achtelfinale!

Schaut man auf den Spielverlauf und das Ergebnis, die krasse Abseits-Fehlentscheidung und die vielen vergebenen Torchancen im ersten Durchgang, wird das Team von José Mourinho ein wenig verärgert, zurück in die spanische Hauptstadt fliegen. 2:2 verloren, kann man eigentlich sagen. Real war besser und ein Sieg wäre aus neutraler Sicht definitiv verdient gewesen. Milan und ein herausragender Inzaghi zeigten jedoch, dass im Fußball alles möglich ist. Die Königlichen bewiesen dennoch Moral und Mourinho bewies erneut sein gutes Händchen für Einwechslungen. Beide Joker, Benzema und León, sorgten für das wichtige Tor zum 2:2-Endstand. Das wird dem Team gut tun, denn noch immer ist man unter dem portugiesischen Startrainer ungeschlagen. Darüberhinaus wurde das Ziel, das Achtelfinalticket heute zu buchen, nun hunderprozentig erreicht. Mund abputzen und weitermachen, lautet jetzt die Devise. Am Wochenende steht schon der nächste Kracher an,  Externer Linkalles wartet nun auf das Stadtderby gegen Atlético - und da münzt man seine Überlegenheit hoffentlich in Tore um...

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Kurzstatistik zum Spiel

AC Milan: Abbiati; Abate, Nesta, Thiago Silva, Zambrotta; Boateng, Pirlo, Gattuso (Seedorf, m.83); Ronaldinho (Inzaghi, m.60), Pato (Ambrosini, m.73) und Ibrahimovic.

Real Madrid: Casillas; Sergio Ramos, Pepe (Pedro León, m.80), Ricardo Carvalho, Marcelo; Xabi Alonso, Khedira; Di María, Özil, Cristiano Ronaldo; und Higuaín (Benzema, m.73).

Tore: 0-1, m.45: Higuaín; 1-1, m.70: Inzaghi; 2-1 m.78: Inzaghi; 2-2 m.93: Pedro León.

Gelbe Karten: Boateng (m.28); Abate (m.55); Ibrahimovic (m.47); Gattuso (m.69) - Sergio Ramos (m.81).

Schiedsrichter: Howard Webb (England)

Stadion: Guiseppe Meazza, 80.000 Zuschauer

geschrieben von Kerry Hau

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