Flügelspiel - Ein Wort, das den modernen Fußball prägt. In Madrid hat man letzte Saison wenig bis gar nichts davon gehört, geschweige denn gesehen. Manuel Pellegrini gab vollkommen unverblümt zu, dass er ohne echte Flügelspieler agierte. Sein System bestand aus einer sehr zentralen kompakten Speerspitze, gebildet aus dem Dreieck: Kaká, Ronaldo und Higuaín. Für das sogenannte Flügelspiel unter dem chilenischen Ex-Trainer waren nahezu ausschließlich die Außenverteidiger verantwortlich. Ob Pellegrini aus Mangel an Spielermaterial oder taktischer Kühnheit ein solches System wählte, kann jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist jedoch, dass diese Saison alle Weichen in Richtung breites Angriffsspiel gestellt wurden. Mit der Verpflichtung von Ángel Di María und Pedro León schließlich war auch dem letzten Zweifler klar, dass unter José Mourinho wohl wieder das Flügelspiel forciert wird. Doch wer wird dieses Flügelspiel umsetzen? José Mourinho wird der Leistungsmaschine Cristiano Ronaldo den Stammplatz nicht nehmen, warum sollte man das auch, bei den Leistungen, die der Portugiese bislang im weißen Dress absolvierte. Einer der beiden Neuverpflichtungen wird also wohl oder übel auf der Star-Bank des „weißen Balletts“ Platz nehmen müssen.
Oftmals hatte man letzte Saison das Gefühl die Spieler der „Königlichen“ stehen sich gegenseitig auf den Füßen, so sehr wurde vorne rotiert und Position gewechselt. Hing Kaká in der Luft, schien das System in der Luft zu hängen. Nur durch individuelle Vorstöße und Geniestreiche, meist aus dem Sturm um Ronaldo und Higuaín heraus, konnten Spiele am Ende noch entschieden werden. Dieser Abhängigkeit will der Triple-Sieger der letzten Saison, José Mourinho, nun mit einem breiten System entgegenwirken, in dem die Verantwortung des Teams, sowie der Druck auf jeden einzelnen gleichmäßig verteilt werden soll. Durch diese Umstellung und der geänderten Ausrichtung des Sturms gibt es eine Position die es letzte Saison bei Real Madrid noch nicht gab - den Flügelspieler. Hier bieten sich eine ganze Reihe an Spielern an um diese Aufgabe im Team von Startrainer Mourinho übernehmen zu dürfen. Allen voran der Argentinier Ángel Di María und der Spanier Pedro León, beides Neuzugänge, akribisch ausgewählt vom Trainer. Doch sind es zwei Spieler, die sich von Grund auf verschieden sind? Oder haben sie am Ende doch mehr gemeinsam, als man glauben möchte?
Einen Namen kann man nicht übersetzen, doch liegt bei diesem edel und anmutig klingenden Namen ein Vergleich in der Luft: Ángel Di María – „der Engel Marias“. Genauso mystisch und schicksalhaft wie sein Name, wirkt die steile Karriere, die der Argentinier hinter sich hat. Mit graziösen Bewegungen und engelhafter Anmut hat er auf sich aufmerksam machen können. Es schien eigentlich nur eine Frage der Zeit bis zusammen kam, was zusammen kommen musste. Das „weiße Ballett“ hat in seinem Ensemble einen linksfüßigen Tänzer mehr. Bei all der Technik die der Junge aus Rosario (dem selben Geburtsort wie Lionel Messi Anm. d. Red.) in sich vereint, muss er nun aber noch eine Komponente in sein Spiel aufnehmen, die er bei dieser Konkurrenz auch brauchen wird – Durchsetzungsvermögen. Mit seinen 1,79 cm ist er zwar nicht als klein zu bezeichnen, doch gepaart mit 64 kg Gewicht eine eher schmächtige Erscheinung auf dem Fußballplatz. In der portugiesischen Liga konnte der 22-Jährige in 76 Spielen 7 Tore erzielen und ganze 18 Vorlagen geben. Gerade in der letzten Saison merkte man, dass wohl eine neue Herausforderung nötig ist, wurde er doch Double-Sieger mit Benfica Lissabon und zum besten Spieler der Liga gewählt. In Madrid weht aber ein anderer Wind und so muss auch ein „Engel“ sich dem Kampf stellen und zeigen, dass er auch „beißen“ kann. Als Wunschspieler von José Mourinho und mit einer etwas höheren Ablöse als seine Konkurrenz (25 Millionen Anm. d. Red.) steht er wohl in den Startlöchern für die kommende Saison, doch sowas wie einen Stammplatz gibt es nicht. „Der Coach hat von Anfang an klar gemacht, dass es viele Kämpfe um Stammplätze geben wird. Wer nicht rennt, spurt und kämpft, der spielt nicht. Das sagt Mourinho uns immer wieder“,gab Di María, schon wissend um seine Situation, bekannt (
Realmadrid.de berichtete). Starappeal hat der Dribbelkünstler auf jeden Fall. Nicht zuletzt da er bei der Weltmeisterschaft in Südafrika als Nummer 7 Argentiniens auflief und sich durch verrückte Rabona-Flanken in Portugal einen Namen machte. Doch die Konkurrenz schläft nicht! Vor allem ein junger Spanier hat es José Mourinho angetan und könnte dem Argentinier in der nächsten Saison einen harten Fight um den Stammplatz bieten.
Der in Mula, einer Provinz in Murcia, geborene Spanier sucht schon seit vier Jahren nach dem einen wahren Verein, der ihn schon immer in seinen Bann gezogen hat. Jedes Jahr wollte der ehrgeizige Flügelflitzer einen Schritt weiter in Richtung Weltklasse machen und hat jedes Jahr den Verein gewechselt. Jetzt beim größten Verein des 20. Jahrhunderts angekommen, stellen sich alle Fans die Frage, ob er es schaffen kann, sich in so einer Auswahl durchzusetzen. „Ich habe schon immer geträumt, bei dem besten Klub der Welt zu spielen und nun bin ich überglücklich, dass dieser Traum wahr geworden ist“, schien León schon zu Beginn gespürt zu haben, dass seine Suche wohl ein Ende gefunden hat. Dabei wurde kein Cent verschwendet. Nicht einmal alle Verein zusammen, inkludiert Real Madrid, haben für Pedro León so viel bezahlt wie die „Königlichen“ für Ángel Di María diesen Sommer ausgegeben haben. Der mittlerweile 23-Jährige befindet sich in einer Entwicklungsphase, in der er weder als Früh- noch als Spätentwickler bezeichnet werden kann. Die nächsten Jahre mit dem Emblem der „Blancos“ auf der Brust werden seine Karriere prägen. Das weiß auch León: „Sicher haben manche mehr Erfahrung als ich oder spielen länger für große Klubs. Aber ich denke, ich kann hier auch viel zum Erfolg beitragen. Ich will hier so viel wie möglich erreichen und werde tun, was ich kann. Ich werde hart und fleißig kämpfen“, gab er sich nach seiner Verpflichtung auf der ersten Presskonferenz als Madrilene kampfbereit, um einen Eindruck zu hinterlassen (
Realmadrid.de berichtete). Auch Mourinho zeigte sich nach den ersten Einheiten mit dem Rechtsaußen zufrieden und positiv überrascht. Immerhin waren die Erwartungen an den 10-Millionen-Euro-Mann, der von Getafe an die Concha Espina wechselte, dementsprechend gering. Umso leichter für Pedro alle zu überraschen, so auch in den Testspielen in den USA. Genauso wie Di María wusste der junge Neuankömmling über weite Strecken zu überzeugen. Die Variante León beinhaltet außerdem, dass Ronaldo als Linksaußen und Pedro als Rechtsaußen agiert. So würde Ronaldo mit seinem stärkeren Fuß innen 'operieren' können und León seine Stärken im Grundlinienspiel herausstreichen. Schnelligkeit und Technik gehören zu dem Repertoire des Spaniers, in der letzen Saison bei Getafe konnte er das auch noch mit Abschlussstäke paaren, einige sehenswerte Treffer konnte er beisteuern. Zwar waren es nur 8 Tore in 35 Spielen aber mit zusätzlich 10 Vorlagen konnte sich die Leistung durchaus sehen lassen. Bei Pedro León muss man bedenken, dass er seit 3 Jahren in der höchsten spanischen Spielklasse spielt und das bei eher unterdurchschnittlichen Klubs. Dort in 92 Spielen insgesamt 14 Treffer und starke 24 Vorlagen gemacht zu haben muss man auch in die richtige Relation bringen. Die Liga zu kennen und gewohnt zu sein, sich als kleiner, unbekannter Spieler gegen große und berühmte Gegner durchzusetzen, ist wohl das größte Argument das für den 23-Jährigen spricht. Doch ob man mit Kampf und Wille allein besteht wird sich erst zeigen müssen. Auch wenn León noch titellos in seiner Karriere ist, muss er sich nicht verstecken.
Bei all dem Vergleichen und dem Konkurrieren, darf man aber eines nicht vergessen: Es geht um den Erfolg der Mannschaft. Und wenn man sich die Mischung an Spielertypen im Kader ansieht, kommt man zu dem Schluss, dass der Verein es dieses Jahr geschafft hat, sich mit zwei Transfers auf den Flügeln Optionen zu kreieren, die ein variables und kreatives Angriffsspiel ermöglichen. Um in allen drei Wettbewerben mitspielen zu können benötigt man einen hungrigen und ausgeglichenen Kader, vor allem aber auch taktische Variabilität. Gerade José Mourinho gilt als Meister darin, einen Gegner zu lesen und sein Team darauf zu adaptieren. Legendär sein „Trick“ mit Chelsea gegen Barcelona, als er in einer Pressekonferenz angab, mit zwei großen Stürmern (Drogba, Gudjohnson) zu spielen und dann aber kleine wendige Stürmer (Duff, Kezman) aufstellte und Barcelona 4:2 besiegte. Spieler haben ihren Vorteil je nach Situation. Ángel Di María kommt als Halb-Star, als bester Spieler der portugiesischen Liga, als Wunderkind aus dem selben Heimatort wie Lionel Messi. Er bringt Flügelspiel und Kreativität und kann im Konstrukt von Mourinho als die perfekte Lösung für den Linksaußen dienen. Flanken, Dribblings und Übersicht werden sein Spiel prägen. Pedro León hingegen kommt als ungeschriebenes Blatt, als Mann der nichts zu verlieren hat. Er hat keine Ablöse im Nacken und keine Erwartungshaltung die ihn einschränken könnte. Für ihn ist der Wechsel schon der größte Schritt, eine Ehre überhaupt, genommen worden zu sein. Seine Stäke liegt in seiner Unberechenbarkeit, der Faktor, der nicht einzuschätzen ist. Flügelläufe sowie Zug zum Tor, ein Abspiel oder ein Alleingang, León ist trotz seiner Technik und seiner offensiven Ausrichtung ein Mann fürs Team, ein Mann der bereit ist, sich überall für das große Ganze zu opfern. Ob der Engel aus Rosario oder der Kämpfer aus Murcia, eines haben sie gemeinsam, sie werden das weiße Ballett mit weit mehr taktischen Varianten bereichern und alles für Real Madrid tun, damit sich der Verein wieder auf den Thron setzen kann, den er schon seit über 100 Jahren aufbaut.
Anzeige
Noch nicht registriert?
Jetzt registrieren!Vier Clásicos in 18 Tagen, der pure Wahnsinn! Bis zum 5. Mai wird Realmadrid.de euch auf dem...
Man muss schon ein überzeugter Optimist sein, um zu glauben, an einem Sonntagmorgen um 8:30 Uhr...
Die seit Wochen andauernde Achterbahnfahrt im „Caso Neymar“ konnte neue Beweise offenbaren –...
Er ist zweifelsohne der Mann der Stunde in Madrid. Cristiano Ronaldo war im letzten Jahr der...
Genau heute vor einem Jahr, am 17.8.2010, wurden sich Werder Bremen und Real Madrid endlich einig –...
Leserkommentare