Für die Königlichen aus Madrid war vor diesem Spieltag alles klar, für die Hausherren aus Amsterdam ging es noch um alles – und die vermeintliche zweite Garde Reals nahm ihnen alles. Higuaín und zwei Mal Callejón waren die Abnehmer von drei Traumpässen durch Kaká, Benzema und Xabi Alonso. Gegen einen hochmotivierten Gegner spielte man nicht überragend, aber effektiv – und das Schiedsrichtergespann tat sein Übriges zu dem Wunder, das Olympique Lyon doch noch das Achtelfinale bescherte. Und quasi im Vorbeigehen stellte man zwei Rekorde auf bzw. ein...
15 Siege in Folge, 16 kann kommen! Foto: Ángel Martínez, Realmadrid.com
AMSTERDAM. Das letzte Spiel der Champions League Gruppenphase – von mathematischen „was wäre wenn“-Zahlenschiebereien bis zu gesponsorter Wettbewerbsverzerrung oder zumindest –beeinflussung ist alles drin. Und wo andere, bereits für die nächste Runde qualifizierte Ensembles, das Gemüse aus der zweiten oder dritten Reihe aufs Feld schickten, wurde auch beim Tabellenführer der Primera Division, Real Madrid, über eine sogenannte „B-Elf“ gemutmaßt – angesichts des kommenden Clásicos logisch und nachvollziehbar. Doch dieses angebliche „B-al Madrid“ bestand, trotz einiger zum Füße hochlegen verdammter Stammspieler, aus zwei der gefährlichsten Stürmer Europas, zwei amtierenden Weltmeistern und einem ehemaligen 65-Millionen-Weltfußballer: Benzema, Higuaín, Albiol, und die wiedergenesenen Arbeloa und Kaká. Zudem liefen mit Varane, Coentrão, Sahin und Callejón vier der fünf neuen Juwelen aus der derzeitigen mourinho'schen Edelsteinsammlung auf (der fünfte, Hamit Altintop, wurde später eingewechselt). Und da der holländische Rekordmeister weder als Warmschießen fürs Clásico dienen wollte noch durfte – auch sie waren noch nicht 100% durch – lieferten Feldspieler und Zuschauer eine packende Leistung von Beginn an. Die Rot-Weißen gingen früh drauf und scheuten keinen Zweikampf, die schwarzen Madrilenen hingegen wurden teilweise bis in die eigene Feldhälfte zurück gedrängt. Und aus der Rolle des neutralen Zuschauers betrachtet, hätte es zum Pausenpfiff gut und gerne 2:2 stehen können … stattdessen lag die Mannschaft mit deutlich mehr Ballbesitz und Torchancen 0:2 zurück, und Real führte!
Werde Facebook-Fan und verpasse keine News mehr!CL-Neuling Manuel Jorge de Souza hatte in drei Szenen spielentscheidenden Einfluss auf die Zahlen auf der Anzeigetafel: drei abseitsverdächtige und äußerst knappe Offensivszenen, die in der Folge zu Toren führten. Zwei wurden abgepfiffen. Bei allen drei Geschehnissen wäre ein Pfiff zum Tor – nicht zum Abseits angebracht gewesen. Zuerst war es Kaká der mit einem hohen, sensationellen Pass aus dem Mittelfeld die holländische Innenverteidigung aushebelte und den perfekt gestarteten José María Callejón bediente. Ballannahme mit rechts, Torwartausgucken mit Kopf, Torabschluss mit links – das dritte CL-Tor im dritten CL-Spiel für den jungen Rückkehrer (13.)! Wohl dem, der solche Spieler als „Ergänzung“ bezeichnen darf. Dieses – regelkonforme – Tor wurde nicht, die anderen beiden Treffer Ajax‘ aber schon abgepfiffen. Erst unterband der Pfiff den Torjubel des Abstaubers Lodeiro (33.), wenige Minuten später nahm sich Anita aus 25 Metern ein Herz, doch dessen Schuss lenkte der grandios aufgelegte Sulejmani genial mit der Brust unhaltbar in Adáns Tor ab – wieder der ernüchternde und zuschaueraufhetzende Abpfiff… Da hatte Real enormes Glück! Und in dieser wütenden Sturm und Drang-Phase des AFCs fiel Tor Numéro Dos. Doch in der 41. Minute stand nicht der Unparteiische, sondern der unfassbare Pass des heutigen linken Flügelstürmers im Fokus: Ajax war weit aufgerückt, zu weit, da holte Karim Benzema am Seitenaus der Mittellinie aus und brachte den Ball perfekt in den Lauf seines argentinischen Sturmkollegens. Und als wäre ein vergebener Schuss eine Beleidigung an der weltklasse Vorarbeit des Franzosen, drosch Gonzalo Higuaín nach kurzer Annahme und noch kürzerem Blick das Leder mit voller Wucht am machtlosen Keeper Vermeer vorbei ins Netz. Damit beendete das Schiedsrichter-Sextett eine stürmische erste Halbzeit, und wurde mit gellenden Pfeifgeräuschen in die Katakomben gedrückt.
Halbzeit Zwei verlief ähnlich chaotisch, auch wenn die Unparteiischen daran keinen entscheidenden Einfluss mehr hatten … dafür scheiterten die Rot-Weißen an den eigenen Abschlussfähigkeiten oder es standen Aluminium oder Antonio Adán einem Torjubel der inzwischen aus dem Wettbewerb geworfenen Holländer entgegen. Denn was in Gruppe D vor diesem Spieltag noch als kleines „Wunder“ auserkoren wurde, wurde real. Und damit sind nicht die faszinierenden Bestmarken gemeint, die die Merengues mit diesem Auswärtssieg auf- bzw. einstellten, sondern der 1:7-Sieg der Lyonnais in Zagreb, die vor dem Spiel noch auf Rang drei und – im Vergleich zu Ajax – mit unmöglicher Tordifferenz schier aussichtlos dümpelten und sieben Tore aufzuholen hatten. So ist festzuhalten, dass sowohl das Team Frank de Boers, die Schiedsrichtertruppe als auch Mourinhos Stars dem Ex-Club Benzemas in die Karten spielten. Ajax versagte, Real traf: Der dritte Treffer in der Nachspielzeit fiel erneut durch einen genialen Pass auf Youngstar Callejón, dieses Mal bedient vom eingewechselten Xabi Alonso. Und nach einer Umkurvung des herauseilenden Vermeers, schob der 24-jährige in aller Ruhe und Abgeklärtheit ein. Dieses 0:3 war vermutlich der am leisesten bejubelte Treffer, den die Merengues je erzielten – eine Totenstille umgab die Amsterdamer Trauerfeier-Arena.
Im Verlauf der zweiten 45 Minuten wurden neben Xabi Alonso auch Hamit Altintop und Canterano Pablo Mendes in seinem ersten Einsatz für Madrid überhaupt (!) eingesetzt – Benzema, Arbeloa und Granero gingen raus. Speziell durch die Auswechslung des Franzosen werden Journalisten – berechtigtermaßen – ihre Chance wittern, Mourinho ein Ei ins Nest zu legen und ihm eine mögliche Startelf-Berufung der Nummer 9 gegen Barcelona zu entlocken. Zu Nuri Sahin: Er spielte unauffällig, gewann gegen hochmotivierte Niederländer nicht jeden Zweikampf, trug aber seinen Teil zur Sicherung des Ballbesitzes bei.
Die Königlichen machten kein überragendes Spiel und hatten hinten viele Löcher zu stopfen – angesichts der jeweiligen Ausganssituationen aber auch kein Wunder. Dennoch spielte die zweite Garde effizient, machte aus wenig viel und stellte ganz nebenbei zwei Rekorde auf bzw. ein: 15 Siege in Folge hat zuletzt Miguel Muñoz als Trainer Reals geschafft – das war 1961. Und lässt José Mourinho am Samstagabend den sechzehnten Folgen, hätte er den historischen Rekord eingestellt, den sein abendliches Gegenüber, Pep Guardiola, selbst in der vergangenen Saison aufgestellte – als würde der Clásico nicht schon genug Stoff für ein hollywoodreifes Drehbuch liefern! Rekord Nummer Zwei: 18 Punkte und 19:2 Tore in 6 Matches. Eine solch beeindruckend gute Gruppenphase in der Königsklasse hat KEINE Mannschaft zuvor hingelegt! Pure Dominanz in 540 Minuten, in denen Mourinho alle Spieler der ersten Mannschaft mindestens zwei Mal einsetzte. Zudem gab man mit 56 Schüssen die meisten aller 24 Teams ab, konnte neun Torschützen verzeichnen und hat mit Callejón gleich den effektivsten Stürmer der Gruppenphase: Pro Halbzeit ein Tor. Sensationelles Madrid!
Und nun endlich, werden sich Medien und Fans denken, wird sich in Madrid alles um das anstehende Spiel der Spiele drehen. Die Fußballwelt wird Kopf stehen wenn sich am Samstag um 22 Uhr die beiden besten Mannschaften der Welt um die Vorherrschaft im spanischen Fußball streiten! Und die Frage sei erlaubt: Wann, wenn nicht heuer, war man besser vorbereitet auf die berühmteste Fußballbegegnung der Welt?
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Ajax Amsterdam: Vermeer; Van der Wiel, Vertonghen, Anita, Blind; Enoh, Eriksen, Janssen (Klaasen '76), Lodeiro (Bulykin '73), Sulejmani und Ebecilio
Real Madrid: Adán; Arebeloa (Pedro Mendes '67), Albiol, Varane, Fabio Coentrao; Sahin, Granero (Xabi Alonso '58), Callejón, Kaká; Benzema (Altintop '54) und Higuaín
Tore: 0-1 '14 Callejón; 0-2 '41 Higuaín; 0-3 '91 Callejón
Schiedsrichter: Manuel Jorge de Souza (Portugal)
Stadion/ Zuschauer: Amsterdam-Arena, 52.000 Zuschauer
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