26.01.2012, 00:25
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Spielbericht

Die glücklose Wiederauferstehung – Barça zittert sich weiter

Der Titelverteidiger ist raus! Nach einer zum Teil überragenden Leistung in der katalanischen Festung reichte es der Madrider Wunder-Truppe nur zu einem 2:2. In der ersten Halbzeit führte man Messi & Co. zum Teil vor, doch ohne Glück – das hatte Rot-Blau gepachtet, da sie aus zwei Gelegenheiten zwei Tore machten. Dank Ronaldo und Benzema kam man noch mal ganz nah dran, doch es sollte nicht sein. Real raus, Barça weiter, schade!

Die glücklose Wiederauferstehung – Barça zittert sich weiter

Ramos setzte zum Jubeln an, dann ertönte der grausame Pfiff - Foto: Realmadrid.com

Higuaín und Özil mit Pech – Pedro und Alves mit Glück

BARCELONA. Der Traum bleibt ein Traum, nicht real. Das Sensationsticket wurde nicht gelöst. Es hat sich nichts geändert, Barcelona ist für Madrid scheinbar immer noch nicht zu bezwingen. Die nächste Taktik, die nächste Formation… das Leben des José Mourinho muss zum Verzweifeln sein. Im Vergleich zum Steinhauerensemble des verlorenen Hinspiels stimmte er das heutige Orchester mit seinen feinsten Geigen, die da hießen: Özil, Kaká, Ronaldo und Higuaín. Und ganz nach Erwarten und Vorgabe des Konzertmeisters blies dieses glänzende Elftett dem katalanischen Pendant gehörig den Marsch. Bereits nach 12 Sekunden hätten die gefühlt eine Million Verrückten im nähtestrapazierenden Camp Nou bereits wie die Besatzung eines untergegangenen katalanischen Kriegsschiffs schweigen müssen – Piqué verkalkulierte einen Rückpass auf ihn, den fing Higuaín ab, doch allein vor Schlussmann Pinto schlenzte er die frühe Chance am Tor vorbei.

Stattdessen stieg die hosenausbeulende Atmosphäre im Stadion weiter an, jeder wusste, dass es ein weltenveränderndes Spiel hätte werden können – eine endzeit-gleichende Kulisse à la „2012“ hätte zum Inhalt dieser 90 Minuten gepasst. Doch statt dem Spielfeld bröckelte Barcelona. Die mourinhoschen Streichinstrumente entwickelten sich zu auf Vernichtung abgerichteten Waffen: Higuaín mit guter Chance aber abseits, Ronaldo zwei tolle Schüsse mit links nach noch besserer Vorarbeit durch Özil und Kaká – alle funktionierten und man merkte ihnen die Wirkung des Selbstvertrauen-Zaubertranks ihres Hexenmeisters an. Nach 25 Minuten dann der Urknall: Das Spiel war schon wieder etwas verflacht, die Blancos atmeten kurz durch, da ließ Mesut Özil nach einem mehr als saftigen Schuss aus 30 Metern die Grundfeste des katalanischen Kastens erschüttern. Wie aus dem nichts knallte der Ball von der Latte auf die Linie und von da aus zurück ins Feld. Wahnsinn, alle wieder hellwach! – alle außer der, dessen Sinne diese Lattengewalttat anscheinend am meisten schadete: José Pinto. Von Özil später unter Druck gesetzt, spielte er einen Ball zu lässig ab, Higuaín bewies mal wieder Näschen – aber nicht Kaltschnäuzigkeit und versemmelte die nächste „Muss!“-Chance.

Für königliche Fans mit lichtem Haar war es kein gesunder Abend… kaum nahm man die Hände vom Raufen wieder herunter, musste man schon wieder hinlangen. Und es kam noch schlimmer. Wo wir wieder beim Punkt „wie immer“ wären – Iniesta musste verletzt raus und der Kevin Großkreutz Barcelonas, Pedro genannt, lief auf und so begann die Überschlagskatastrophe kurz vor der Halbzeit: Minute 43, Barça strahlte bis dahin noch keine ernstzunehmende Torgefahr aus, Real verlor vorne den Ball, flotter Gegenstoß über Messi, Ramos und Pepe bemühten sich um Ordnung und Absprache, dann griffen plötzlich die beiden und zusätzlich Rechtsverteidiger Arbeloa den Argentinier zu dritt an … doch der Ball landete dennoch irgendwie und genialerweise beim freien, frisch eingewechselten Flügelflitzer, der locker einschob. Dem mächtigen Kriegskörper Madrids tat dies aber nichts, man musste so oder so zwei Treffer erzielen – der wirkliche bitterböse Nierenschlag erfolgte in der Nachspielzeit der ersten Spielhälfte. Der Emotionsvulkan kochte und spuckte blutrote Donnerblitze aufs Feld nachdem Messi gelb für sein Rachefoul an Pepe sah, da streckte der bereits gelb-verwarnte Lass ebenjenen Floh am Sechzehner nieder und konnte sich beim brüllgewaltigen Einsatz seines Löwenkapitäns bedanken, dass dieser den fälligen gelben Karton in Empfang nahm. Diarra blieb auf dem Platz, manövrierte seinen Schädel in den fälligen Freistoß, der Ball trudelte aus dem königlichen Strafraum und eine Person nahm Anlauf … wo Mesut Özil vorher noch den Torbalken fast zum Bersten brachte, da feuerte Dani Alves eine Rakete in den Torwinkel ab, den selbst die Kickers in ihren besten Jahren nicht unglaublicher hinbekommen hätten. So kann's kommen: Schon feierte ein ganzes Stadion einen brasilianischen, waffenscheinlosen Bazookaschützen – 2:0 für Barcelona, der Titelverteidiger brauchte nun drei Tore. Im Camp Nou. In 45 Minuten.

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CR7 und Benzema schürten die Hoffnungsflamme, aber es reichte nicht

Und um den Konjunktiv nicht noch inflationärer zu gebrauchen sei gesagt: Ramos' Kopfballtor nach dem Wiederanpfiff wurde nicht gegeben. Und hätte man sich in einer Kreisklasse-Damen-C-Jugend befunden, wäre der Zweikampf mit Alves auch durchaus eines Abpfiffes würdig. Der Pfiff ertönte jedoch und die royale Bestattung nahm ihren Lauf. Zeit für Wechsel: Granero, Benzema und Callejón für den orangen Lass, den glücklosen Higuaín und den „heute-war-Özil-besser-Kaká“. Und siehe da, auf dem Ozean braute sich noch mal ein Sturm zusammen: Manch einer zählte die Merengues sicher bereits an, da bediente der überwältigende Mesut Özil zuckersüß durch die Schnittstelle den extrem gewillten Ronaldo in den Lauf. Im vollsten Vertrauen auf die Schwerkraft, der Pinto zum Opfer fiel, lief der Portugiese einfach weiter und schob das Leder über die freie Linie (68.). Hoffnung! Die Flutwelle stieg an und auf ihr ritt der französische Killer Benzema. Callejón verlängerte genial einen abidalschen Befreiungsschlag genau hinter die rot-blaue Abwehr, der Paladin startete, ließ Puyol wiederum wie ein Mädchen aus voran genannter Liga aussehen, überlupfte ihn und ließ dann seine untertänige Welle ins Camp Nou einpreschen: 2:2, der Ausgleich (72.)! Dieses Tor wollte die inkarnierte Entschlossenheit unbedingt erzielen und was doch niemand mehr für möglich gehalten hatte, schien plötzlich doch so greifbar, so nah. Und doch so fern! Denn trotz eines packenden, emotionsgeladenen, farbenträchtigen und pfeifgewaltigen Schlagabtauschs beider Teams zum Schluss veränderten sich die angestrahlten beiden Ziffern nicht mehr. Erwähnenswert hingegen Ramos' lächerliche zweite Gelbe Karte, mit der ihn Schiedsrichter Teixeira Vitienes in der 89. Minute nach einem erneuten Kreisklassezweikampf im Luftraum der Mittellinie vom Platz stellte. Kopf- und Händeschüttelnd verließ der den Platz, denn auch der Spanier wusste: das war's. Denn nach ein paar kostenlosen Schauspielvorführungen der Heimmannschaft waren auch die großzügigen drei Minuten Nachspielzeit verebbt. Und Real war draußen.

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Aufstellung und Taktik funktionierten. Das Wichtigste fehlte: Glück

Deswegen ist ein Traum ein Traum. Ein Barcelona schlägt man weder mit Mauern noch mit Geigen, weder mit zwei Stürmern noch mit 17 Verteidigern, Barcelona bezwingt man mit Glück. Real Madrid machte heute fast alles richtig, und da ist der Haken, das „fast“. Vorne vergeigt – mal eigenes Verschulden, mal Pech – und hinten setzt es zwei Buden, obwohl man nicht wusste, ob das Toreschießen zum heutigen Repertoire Guardiolas Glücksbärchen gehörte. So gut wie heute spielte sicher keine Mannschaft im Camp Nou seit langem, das weiß jeder Fan dieser Sportart. Egal aus welchem Land man kommt, egal welchem Verein man zujubelt, ob weiß, ob rot-blau. Auf die Leistung dieser Mannschaft darf der Madridismo stolz sein, auch wenn es nicht gereicht hat – man hat mal wieder vorgeführt, wie es gehen könnte. Aber der Konjunktiv bringt weder Punkte noch die nächste Runde. In dieser steht nun der FC Barcelona weil sie nicht unbedingt die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft sind. Aber der Tag wird kommen ... träumen wird man ja noch dürfen. Und von daher: Viel Glück, ihr kommenden Drachenbezwinger aus fern und nah!

Kurzstatistik zum Spiel

FC Barcelona: Pinto; Alves, Piqué, Puyol, Abidal; Busquets, Xavi, Iniesta (Pedro '29), Cesc (Thiago '70), Messi; Alexis (Mascherano '79)

Real Madrid: Casillas; Arbeloa, Pepe, Sergio Ramos, Coentrao; Lass (Granero '51), Xabi Alonso; Kaká (Callejón '61), Özil, Cristiano Ronaldo; Higuaín (Benzema '61)

Tore: 1-0 '43: Pedro; 2-0 '46+: Alves; 2-1 '68: Cristiano Ronaldo; 2-2 '71: Benzema

Schiedsrichter: Fernando Teixeira Vitienes

Stadion, Zuschauer: Camp Nou, 95.486 Zuschauer

geschrieben von Nils Kern

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