Verpasste die Clásico-Pleite den Königlichen nun einen Knacks oder nicht? Diese Frage stellte man sich vor dem Auswärtsspiel in Sevilla. Nach der Partie darf man getrost die Gegenfrage stellen: Knacks? Wer oder was soll das sein? Abgezockt und mit allen Wassern gewaschen, konnten einen die Sevillanos nach dem Schlusspfiff fast schon leidtun. Mit 2:6 ging man vor eigenem Publikum unter und durfte am Ende den neuen Tabellenführer abklatschen.
Zum Schluss konnte nur Madrid jubeln - Foto: Ángel Martínez, Realmadrid.com
SEVILLA. Der Trainer der Sevillanos, Marcelino, hatte
vor dem Spiel gesagt, er hätte lieber einen Clásico-Gewinner vor der Brust, nicht aber den angeschlagenen Verlierer. Nach der ersten Halbzeit konnte man ihm nur beipflichten, nach dem Abpfiff sowieso. Wie immer im Sánchez-Pizjuan, so brannte auch heute von der ersten Minute an der Rasen. Ein Abtasten gab es erfahrungsgemäß gegen die wilden Andalusier nie, so auch diesmal nicht. Teilweise konfus und zerfahren versuchten beide Teams den Ball zu dominieren, Ruhe im Spiel sieht zumindest anders aus. In Rot gekleidet, dazu mit einem Mesut Özil und Sami Khedira auf der Bank, feuerte Benzema nach schönem Doppelpass mit Di María seinen ersten Warnschuss in der 8. Spielminute ab. Den Nachschuss schoss der Argentinier mit seinem schwächeren Rechten direkt in die Arme des Keepers. Unterstützt wurden die beiden von Ronaldo und Callejón. In der Zentrale grätsche Lass und organisierte Alonso vor der schon gewohnten Viererkette um Arbeloa, Ramos, Pepe und Marcelo.
Nach dem das mit dem eigenen Abschluss noch nicht hinhaute, besann sich Madrids 22 auf seine größte Stärke: die Vorlagen. Nach 10 Minuten rappelte es folgerichtig zum ersten Mal. Genial, butterweich mit dem linken Außenrists spielte Ángelito Ronaldo in der Nahtstelle an, der nur noch locker und leicht mit rechts einschob. Es war der 18. Treffer für den Portugiesen und die 13. Vorlage für Di María. Sevilla war bis dato gut im Spiel, man ging als Heim-Team couragiert zu Werke, aber was will man machen, wenn man so einen abgebrühten Gegner vor sich hat? Die Bank schaute bedröppelt drein, ein Rückstand hatte man unbedingt verhindern wollen.
Dennoch blieben die Hausherren dran. Angefeuert vom Publikum versuchte man es immer wieder über die starke rechte Seite und Jesús Navas. Marcelo turnte zuweilen mehr vorne rum, als das er verteidigte. Logische Konsequenz: so boten sich immer wieder Räume. In der 11. Minute durfte dann Iker Casillas beweisen, warum er der beste Torwart der Welt ist. Wieder ging es über linke Madrider Abwehrseite, der Ball wurde parallel zur Torlinie auf den zweiten Pfosten gespielt, wo Manu del Moral völlig ungedeckt den Ball nur noch einschieben brauchte. Doch da hatte er seine Rechnung ohne die Fäuste des Weltmeisters gemacht. Grandios lenkte Casillas im Flug den Ball gegen den Pfosten und verhinderte so den sicheren Einschlag. Was für eine Wahnsinnsparade und doch schien sie bekannt. Kurioserweise war es ebenfalls gegen Sevilla, als der Welttorwart
gegen Perotti 2009 einen unhaltbaren Ball aus zwei Metern parierte. Im Übrigen: es war nicht nur in dieser Situation nicht das Spiel des Manu de Moral, aber dazu in Kürze mehr.
Madrid war in der Folge um Spielkontrolle bemüht, Sevilla war kurzzeitig etwas beeindruckt und versuchte zumindest defensiv stark zu stehen. Trochowski prüfte Casillas nochmal mit einem Distanzschuss, ansonsten verflachte die Partie von Minute zu Minute. Nach 30 Minuten kam dann Negredo im Strafraum an die Kugel, super Mitnahme doch der Schuss entpuppte sich eher als Vorlage. Manu de Moral verdaddelte jedoch aus kürzester Distanz. Glück für ihn, es war abseits. Und als man langsam aber sicher schon etwas in Richtung Halbzeit schielte, schlug Madrid erneut wie aus dem Nichts zu. Di María schlenzte den Ball einfach mal auf den Elfmeterpunkt und Callejón sprintete auf seiner typischen Art und Weise in den Raum, touchierte den Ball kurz und schon war die Trauer im Pizjuan gleichermaßen groß wie die Freude bei Mourinho und Co.
Weihnachtsgeschenk!? Wie wär's mit Fanartikeln deiner Stars?Es hatte etwas von einem Kampf zwischen einem Schwergewichts- und einem engagierten Mittelgewichtsboxer. Sevilla tänzelte, versuchte mit vielen Schlägen zum Ziel zu kommen, Madrid schaute in aller Ruhe hin um dann die Grade einwandfrei auf die Neun zu setzen. Und wenn wir schon von einem Punch reden, so durfte man in der 40. Minute die Granate Ronaldos bewundern. Freigespielt von Benzema und in aller Seelenruhe durfte der Superstar mit seiner überragenden Schusstechnik ausholen und das Leder aus über 30 Metern in den Winkel semmeln. Gegen dieses Geschoss war kein Kraut gewachsen.
Der Drops schien schon gelutscht, zumindest das Mienenspiel der Spieler in Weiß machte nicht mehr viel Mut. Die Akteure fühlten sich wie im falschen Film, die Fans verschaukelt. Was war hier nur los? Man spielte nicht schlecht, probierte alles, doch die Madrilenen machten aus drei Chancen eben drei Tore – Effektivität pur! Einige Zuschauer waren schon auf dem Weg sich mit bitternötigem Gerstengebräu einzudecken, da sah der Schiedsrichter die Hand von Pepe im Gesicht von Negredo. Eigentlich eine normale Laufbewegung, doch der Ex-Madrilene nahm dankend an, schließlich hatte der Portugiese bereits Gelb gesehen. Die Konsequenz: Platzverweis für Pepe. Albiol machte sich direkt bereit und kam für Callejón. Eine ereignisreiche Halbzeit ging zu Ende.
Der zweite Durchgang war durch die Hinausstellung Pepes gezeichnet. Die Königlichen verlegten sich aufs Kontern, was ja bekanntlich nicht das schlechteste Rezept ist, und Sevilla versuchte alles um doch noch irgendwie an Punkte zu kommen. Marcelino reagierte und brachte Sturmtank Kanouté, der Ramos und Albiol beschäftigen sollte. Doch der Motor im Offensivspiel war Jesús Navas. Was der kleine Spanier an der rechten Außenbahn veranstaltete, zeugte von großer Qualität. Marcelo hatte ein ums andere Mal Probleme und musste Flanken zulassen. Doch als Sevilla sich in der Hälfte der Blancos einzurichten schien, gab es wieder den Schlag vor den Bug. Diesmal mit herrlichem Kombinationspiel über Xabi Alonso, der aus der eigenen Hälfte den Ball auf Benzema chippte, der in der Höhe der Mittellinie direkt in den Lauf von Di María weiterleitete. Der Argentinier war auf davon, schloss bravurös ab und bog quasi direkt in die Kabine ein, denn zumindest ein Deutscher, Khedira, durfte nun mitmischen. 0:4 und der Deckel war spätestens jetzt drauf. Da konnte auch die Verkürzung zum 1:4 von Navas (69. Minute) nichts mehr daran ändern, der mit einem satten Schuss Casillas keine Chance ließ. Manu del Moral hatte zweifelsohne das Potenzial zum tragischen Held Sevillas. Erst vergab er die 200-prozentige Chance zum 1:1 und in der 74. Minute erwies er seiner Mannschaft den nächsten Bärendienst. Völlig unmotiviert und auf Höhe der Mittellinie fuhr er Arbeloa von hinten in die Parade und ließ Clos Gómez keine andere Wahl, als ihn des Feldes zu verweisen.
Doch die Partie war noch nicht zu Ende, der Torhunger – insbesondere Cristiano Ronaldos – noch nicht gestillt. Man merkte ihm förmlich an, wie sehr er sich beweisen wollte, da war es ihm auch reichlich egal ob sich nun zwei oder doch fünf Gegenspieler in den Weg stellten, mit hochgekrempelten Ärmeln nahm er es mit allen auf. Und nachdem Benzema bei einem schönen Konter im Strafraum gefällt wurde, durfte er nochmal aus 11 Metern antreten und seinen dritten Treffer, den 20. in der laufenden Saison, bejubeln (85.). Der Franzose, der bei dieser Strafraumaktion mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen blieb, machte dann den Weg für Hamit Altintop frei. Der Türke durfte auf ungewohnter Position im Sturm noch die letzten paar Minuten mitmischen. Und sieh einer an, nach einem wiederholt gut ausgespielten Konter, bediente ihn Xabi Alonso mustergültig, so dass er nur noch einschieben musste. Im Stadion fühlte man sich an die letzte Saison erinnert. Damals gewann Mourinhos Truppe mit 2:6 und die geschundenen Spieler schwuren Stein und Bein, das sich soetwas nicht noch einmal wiederhole. Ausgerechnet der souveräne Ramos und Casillas rannten sich in der Schlussminute noch über den Haufen, so dass Negredo zum 2:6 einschob. Die Gesichte wiederholte sich, wieder ein 2:6. Wohl dem, der darauf tippte. Der Spielstand änderte sich nicht mehr, Clos Gómez pfiff in sein Arbeitsinstrument und notierte: Madrid ist Tabellenführer!
Sei bei jedem Spiel deiner Superstars live dabei!Mit einer fast schon erbarmungslosen Kaltschnäuzigkeit entschied Real Madrid das im Vorfeld als besonders schwer ausgelobte Auswärtsspiel und setzt sich damit mit drei Punkten Vorsprung auf den FC Barcelona an die Tabellenspitze. Das letzte Spiel des Kalenderjahres, es war eine Demonstration der Stärke dieses Teams: Stabil, mit einer ausgezeichneten Mentalität und vor dem Tor eiskalt. Nächster Stopp ist das Pokal-Rückspiel am kommenden Dienstag im Bernabéu gegen Ponferradina. Dann heißt es zum letzten Mal in diesem Jahr: Bühne frei für die königliche Show!
Flash ist Pflicht!
Sevilla: Javi Varas; Martín Cáceres, Spahic, Fazio, Fernando Navarro (Armenteros, m.81); Medel; Jesús Navas, Trochowski (Kanouté, m.46), Rakitic (Campaña, m.68), Manu del Moral; und Negredo
Real Madrid: Casillas; Arbeloa, Pepe, Sergio Ramos, Marcelo; Xabi Alonso, Lass; Callejón (Albiol, m.45), Di María (Khedira, m.67), Cristiano Ronaldo; Benzema (Altintop, m.85)
Tore: 1-0, M.10: Cristiano Ronaldo. 0-2, M.37: Callejón. 0-3, M.41: Cristiano Ronaldo. 0-4, M.65: Di María. 1-4, M.69: Navas. 1-5, M.85: Cristiano Ronaldo. 1-6, M.89: Altintop. 2-6, M.91: Negredo
Schiedsrichter: Carlos Clos Gómez
Gelbe Karten: Rakitic (m.21), Spahic (m.52) y Kanouté (m.63) - Sergio Ramos (m.33), Arbeloa (m.44), Marcelo (m.44) y Lass (m.53)
Gelb-Rote Karten: Pepe (m. 30 und 40)
Rote Karten: Manu del Moral (m.74)
Stadion: Sánchez Pizjuán, 40.000 Zuschauer
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