Der 82. Liga-Clásico beendete eine lange Siegesserie der Königlichen aus Madrid, die nach einer niederschmetternden Niederlage dem unterworfen geglaubten Erzfeind aus Katalonien sogar die Tabellenführung abgeben müssen (dank eines Spiels mehr). Fantastischer hätte der 16. Spieltag für Real jedoch nicht beginnen können: Nach bereits 22 Sekunden strafte Benzema einen Fehler Valdés' zum 1:0. Doch in der Folge versagte Cristiano Ronaldo, der weder erhöhen noch später ausgleichen konnte und Barcelona so 1:3 davonzog und Madrid und alle Medien und Experten sprichwörtlich im Regen ihrer verlorenen Hoffnungen zur Wende im Welt-Fußball stehen ließ. Eine Demontage und Lehrstunde für das königliche Star-Ensemble.
Zu viel Barça, zu wenig Madrid - Foto: Ángel Martinez, Realmadrid.com
MADRID. In den Heimspielen Reals fielen diese Saison immer mindestens drei Tore. Die 83.500 Fans sahen an diesem Samstagabend sogar deren vier. Doch das erste Mal im 10. Saison-Heimspiel konnten die Königlichen nicht als überragender und gefeierter Sieger vom Platz gehen. Im Gegenteil: Was nach 22 Sekunden als gefühlt nicht-realer Traum aussah, entpuppte sich nach 90 Minuten als niederschmetternder und ernüchternder Alptraum. Real Madrid am und auf dem kalten, nassen, tristen Boden der Tatsachen. Medien, Sportstars, Wettbüros und Fans waren sich im Vorfeld des spanischen Gigantentreffens einig: das königliche Ballett geht als Favorit in die erbitterte Blutfede um die Vorherrschaft im spanischen, nein, im Weltfußball. Das erste Mal und so eindeutig wie lange nicht mehr. „Endlich“, freuten sich Experten aus aller Welt, eine Truppe, die der Über-Mannschaft der letzten Jahre nicht nur das Wasser reicht, sondern die Barça mit Angriffswellen und Torstürmen überschwemmt. Aber dazu kam es nicht. Stattdessen wurde zu viel vorweg genommen, stattdessen verlässt der FC Barcelona mit einem 1:3-Auswärtssieg die spanische Hauptstadt. Und einem kann man berechtigterweise vorwerfen, in mehreren Szenen versagt zu haben. Durch diese markerschütternde Niederlage platzten nicht nur jegliche Rekordgedanken (mit dem 16. Sieg in Folge hätte man Barcelonas Rekord aus der vergangenen Saison im direkten Duell übertroffen), sondern auch alle im Vorfeld angesammelten Prophezeiungen auf eine mögliche Titel-Vorentscheidung.
Werde Facebook-Fan und verpasse keine News!Dabei begann der 16. Spieltag für den Tabellenführer wie im Märchen: Bei frischen 7° Celsius, einem leichten Schauer, mächtiger Choreografie der Anhänger und tausendfacher Pfeifbegleitung zu Barcelonas Anstoß gab José Mourinho seiner Elf eine klare Botschaft mit in die ersten Sekunden: Drauf gehen bis der fast flüssige Rasen neu bepflanzt werden muss! Und in diese Sturm und Drang-Sekunden fiel der unfassbare Führungstreffer für Madrid! Dass es der einzige Treffer der Merengues an diesem Abend bleiben sollte, ahnte bei der überschwellenden Jubelexplosion noch keiner. Und so trug es sich zu: Die Blancos griffen sofort an und zwangen Barça zum sicher geglaubten Spiel hinten rum. Als der Ball an Endstation Victor Valdés war, schlug der einen Fehlpass, den Flügelflitzer Di María an sich nahm und sofort auf den lauernden Benzema weiterleitete – aber Busquets stand erst als Abpraller bei dem Pass- danach bei Özils Schuss-Versuch dazwischen. Schlussendlich landete der Ball doch beim Monsieur, der mit einem wuchtigen Hieb aus fünf Metern ins katalanische Herz Geschichte schrieb: Das schnellste Clásico-Tor fiel nach nur 22 Sekunden. Wahnsinn, aber REALität.
Und so begann der 82. Clásico in der Primera Division. Es war ein packender Gigantenfight, der bis auf Platzverweise alles bot, was man in der Vergangenheit von dieser Begegnung präsentiert bekam. Die Königlichen konnten das gefürchtete Spiel der Katalanen schon in der gegnerischen Hälfte unterbinden. Doch der energieaufwendige Kollektivsturm wurde nach 20 dominierten Minuten nur noch punktuell und geschlossen aufgezogen. So wurde das Spiel offener, nach Paraden durch Valdés gegen Ronaldos Schuss und Ikers Fäusten gegen Xavi und später Messi, kam es zu zwei Schlüsselszenen der Partie, in der einer der drei angesprochenen möglichen 2012er Weltfußballer versagte, und einer brillierte: In der 25. Minute zog Benzema beide Innenverteidiger am Strafraum auf sich und legte den Ball anschließend genial nach hinten auf den freien Ronaldo, der zwei Möglichkeiten hatte: zu schießen aus 18 Metern oder rüber zu legen auf den noch freieren Di María – er entschied sich falsch, wollte es alleine versuchen und vergab die Möglichkeit auf die verdiente 2:0-Führung. Fünf Minuten später machte es der amtierende Weltfußballer besser. Nach einigen Versuchen konnte sich der wuselige Floh gegen seinen persönlichen Begleiter und Wadenbeißer Lassana Diarra durchsetzen, vernaschte im Lauf noch zwei weitere Madrilenen und steckte im richtigen Moment den Ball weiter auf die startende Speerspitze Alexis Sánchez. Dessen Begleiter, Pepe und Coentrão, hatte der Chilene bereits hinter sich gelassen und schloss nach kurzem Balltransport aus 18 Metern unhaltbar und flach ins lange Eck ab.
Als Ronaldo versagte, startete Messi sein Spiel. 1:1 statt 2:0 zur Halbzeit. Dabei war es eine gute Halbzeit – die Blaugrana mit mehr Ballbesitz, aber Madrid mit mehr Torgelegenheiten. Die französische Dampflock Benzema war überall zu finden und eroberte selbst in der eigenen Feldhälfte das Leder; Mesut Özil auf der Spielmacherposition verteilte viele Bälle, doch beim letzten, tödlichen Pass war in letzter Sekunde doch immer ein rot-blaues Körperteil im Weg. Und das kompakte zentrale Mittelfeld, bestehend aus Balleroberer Lass und –verteiler Alonso, schien bis auf diese eine Szene ebenfalls Stand zu halten. Noch war ja nichts verloren…
Verloren ging dagegen alles in den Minuten 53 und 65. Bis dahin hatten Mourinhos Stars den Gegner fest im Griff. Hinten wurde solide und überproportional fair verteidigt, und vorne mussten Piqué & Co. kurz vorm Strafraum öfter mal das Bein stehen lassen – angesichts zweier vergebener Freistößchen Ronaldos keine gänsehauterregende Misslage für die Katalanen. Aber wie gesagt, bis zur 53. Minute sah alles gut aus. In besagter Minute zog Barça einen schönen Angriff auf, Real verteidigte mit Mann und Maus und schlussendlich schien sich Rechtsverteidiger Coentrão erfolgreich in einen Schuss geschmissen zu haben. Doch der abgelenkte Ball landete 30 Meter vor Casillas' Kasten auf dem rechten Schuh Xavis. Und die sehenswerte direkte Abnahme wäre möglicherweise an einer noch sehenswerteren Parade Ikers gescheitert, hätte Marcelos Blockierversuch nicht das unhaltbare Eigentor bedeutet. So führten die Rot-Blauen glücklich und José Mourinho reagierte sofort, brachte den frischen Kaká für Özil und Khedira für den gelb-rot gefährdeten Diarra.
Diese Intervention brachte was und hätte sogar noch fast den Ausgleich beschert. Doch erneut muss man konstatieren, dass ein Lionel Messi im Vergleich zu Cristiano Ronaldo in solchen Spielen die gefestigteren Nerven zu haben scheint. Erneut die Chance für den Portugiesen auf ein Tor und damit die spielentscheidende Wendung. Doch Xabi Alonsos wunderschöne Flanke konnte der teuerste Fußballer der Welt unbedrängt aus acht Metern nicht in den Kasten nicken. Er vergab, Valdés schlug einen weiten Abschlag, Messi spielte nach außen auf Alves, der flankte auf den langen Pfosten, dort setzte sich Fábregas gegen Coentrão durch und das Spiel war entschieden. 1:3 für Barça.
Auch die Einwechslung des Geburtstagskindes Gonzalo Higuaín änderte daran nichts mehr. Zwar hatten er und Kaká noch zwei Torgelegenheiten, doch auch in Casillas Strafraum brannte es gegen Ende immer mehr und man konnte sich beim Madrider Schlussmann bedanken, dass der Sieg von Guardiolas Truppe nicht noch höher ausfiel. Das Team war sichtlich geschockt und zuweilen leicht ratlos. So war das nicht geplant. Das dachte sich sicher auch Cristiano Ronaldo. Hätte er sich in einer seiner zwei, drei Schlüsselszenen für die richtige 50:50-Möglichkeit entschieden – die Partie hätte gut und gerne eine Wendung genommen. Lionel Messi hat kein Tor, aber gegenüber seinem Madrider Star-Äquivalent den Unterschied gemacht.
Der 82. Liga-Clásico von A bis Z, nur im Realmadrid.de-Ticker!Verloren ist freilich noch nichts. Es könnte aber. Nächsten Samstag wird sich zeigen, wie der bisherige Tabellenführer diesen Magenschlag verdaut. Denn da muss man in Sevilla die verlorene Tabellenspitze zurück erobern. Josep Guardiola hat aufgrund des vorgezogenen 4:0-Sieges gegen Rayo Vallecano seinen Sieg bereits und liegt nun – mit einem Spiel mehr und aufgrund des besseren Torverhältnisses – vor Mourinho und Team. Die gefürchtete Dominanz Barcelonas ist zwar noch nicht so zurück wie vergangene Saison, doch auch in Madrid kann man noch verlieren – selbst nach 15 Siegen in Folge.
Flash ist Pflicht!
Real Madrid: Casillas; Coentrão, Pepe, Ramos, Marcelo; Xabi Alonso, Lass (Khedira, min.63), Özil (Kaká, min.58); Di María (Higuaín, min.68), Cristiano und Benzema
Barcelona: Víctor Valdés; Alves, Piqué, Puyol, Abidal; Busquets, Xavi, Iniesta (Pedro, min.89); Alexis (Villa, min.84), Cesc Fábregas (Keita, min. 78) und Messi
Tore: 1-0. Min.1. Benzema; 1-1. Min. 30. Alexis; 1-2. Min. 54. Xavi. 1-3. Min. 66. Cesc.
Schiedsrichter: David Fernández Borbalán
Gelbe Karten: Xabi Alonso (26'), Lass (61'), Pepe (62'), Sergio Ramos (69') und Alexis (27'), Messi (36'), Piqué (48')
Stadion/ Zuschauer: Estadio Santiago Bernabéu, 83.500 Zuschauer
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