Mailand, 26. Mai 2010. José Mário dos Santos Félix Mourinho sitzt am Nachmittag gemütlich und lässig in einem noblen Cafe, gegenüber ein Reporter der bekannten Madrider Sportzeitung ‚AS‘. An seinem letzten Tag in der italienischen Modestadt, in der er zwei Jahre lebte und Geschichte schrieb, sprach er im großen Interview erstmals als Coach Real Madrids über seinen neuen Arbeitgeber. Die üblichen Taktik und Personalfragen wurden ruhig und ehrlich vom 47-jährigen beantwortet. Klar ist: ‚Mou‘ hat große Pläne und ist fest davon überzeugt, in Madrid Erfolg zu ernten. Schon bald wird der Portugiese in Urlaub fahren und sein Projekt beim spanischen Rekordmeister ausarbeiten. Das Hauptziel steht allerdings schon: „Wir wollen niemanden nachahmen, sondern unsere eigene Identität finden!“
Der erste Teil des großen Interviews mit José Mourinho
José Mourinho ist neuer Trainer von Real Madrid - zumindest schon einmal mündlich! Manuel Pellegrini ist Geschichte, Präsident Florentino Pérez gab dies gestern auf einer Pressekonferenz bekannt. Was sich in den letzten Wochen stark herauskristallisierte, wurde nun also Wirklichkeit. Mourinho darf seinen Traum leben: Nämlich der erste Trainer zu sein, der mit drei verschiedenen Vereinen aus den drei besten Ligen der Welt die UEFA Champions League gewinnt! Dazu muss es aber einige Veränderungen geben - und nicht in Sachen Transfers, sondern im taktischen und mentalen Verhalten der Spieler. Dennoch kommt ‚Mou‘ mit viel Bescheidenheit, trotzdem aber mit einem großen Versprechen nach Madrid: „Real Madrid ist schließlich viel größer als wir alle. Hier gilt es, alles zu geben. Ich kann von meiner Seite aus sagen, dass ich alles für diesen Klub geben werde - aber dazu müssen alle an einem Strang ziehen“, erklärte er. Konkret soll das heißen, dass das ‚neue Real Madrid‘ anders wird, als in den letzten Jahren: „Es wird eine ausgeglichene Mannschaft sein. Eine Mannschaft die spielt, um Titel zu gewinnen, aber auch eine Mannschaft, die sich bewusst sein muss, aus seinen Fähigkeiten und Fehlern zu lernen und gemeinsam an einem Block arbeiten muss! Das wird keine Mannschaft, die eine andere nachahmt, sondern eine, die ihre eigene Identität findet. Diese Identität werden die Spieler und ich finden - und dazu gilt es, viel zu arbeiten!“
Dennoch bleibt wenig Zeit dazu, im Sommer oft miteinander zu trainieren. Schließlich steht die WM an, weiß auch Mourinho. „Das wird ein wenig problematisch. Die Vorbereitung wird ein wenig seltsam sein, weil auch nach der WM schon wieder am 11. August einige Länderspiele angesetzt sind. Jedoch bin ich zuversichtlich, dass wir am ersten offiziellen Trainingstermin uns zusammensetzen und alles besprechen.“
In Madrid zählen am Ende aber nur Titel. Was Manuel Pellegrini trotz auf dem Papier mit guten Leistungen nicht erreichte, soll Mourinho vollbringen. Er selbst stoppt allerdings den Rummel um sich und seine Person und erklärt, dass nur die Mannschaft als Einheit den Triple-Gewinn Inter Mailands wiederholen kann. „Nur ein Top-Team schafft so etwas. Man muss eine Einheit bilden. Es ist sehr schwer, über 90 Minuten der Bessere zu sein und in vielen Situationen muss man sich zusammenraufen und diese Einheit bilden, jeder muss Opfer bringen“, so der 47-jährige.„Ich kann trotzdem versichern, den Kader darauf vorzubereiten, gut zu spielen, anzugreifen und zu gewinnen“, versprach er zwinkernd.
Vor allem das taktische Gefüge ist bei José Mourinho ein durchdachter Punkt. Während man das ein oder andere Mal bei Pellegrini den Eindruck hatte, die Spieler würden sich eher auf den Füßen stehen, als eine klare Struktur und Ahnung von ihrer Position zu haben, soll es unter dem Triple-Sieger Mourinho beispielsweise wieder zwei echte Flügelspieler geben. „Normalerweise spielen meine Teams mit einer Viererkette in der Abwehr, doch sie sind auch bereit, mit drei zu spielen, falls es nötig ist. Das kommt auch immer auf die Spieler an. Ich habe schon viele Spiele mit nur drei Abwehrspielern gewonnen. Aber ich mag es lieber, mit vier Männern zu spielen, jeweils mit zwei offensiven Außenverteidigern wie Maicon oder Ashley Cole. Im Mittelfeld können wir mit einer Raute oder einem Dreieck spielen. Spielen wir mit einem Dreieck, wird es ein 4-3-3 mit drei Stürmern“, erklärte der Taktikfuchs.
Als Beispiele nannte Mourinho seine Ex-Spieler Maicon von Inter Mailand und Ashley Cole vom FC Chelsea. Nur Beispiele oder tatsächlich Transferobjekte für diesen Sommer? „Maicon ist ein echter Crack, ein physisches Wunder mit großen Qualität. Und er ist ein großartiger Verteidiger, der trotzdem sechs oder sieben Tore pro Saison schießt - und das nicht aus einfachen Positionen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich ihn nicht bei Real Madrid sehen will“, verriet er.
Gleichzeitig schloss ‚The Special One‘ aber auch drei mögliche Neuzugänge aus. Zunächst einmal den jungen Portugiesen Fabio Coentrao, der laut Mourinho zu sehr an den Brasilianer Marcelo erinnert. „Ich will nicht zwei Mal den gleichen Spielertyp in der Mannschaft haben, obowhl man zugeben muss, dass Coentrao eine großartige Entwicklung durchmacht“, meinte er und sprach damit auch sein Vertrauen Richtung des Linksfußes der Königlichen aus. Ebenso unrealistisch sieht der ehemalige Chelsea-Coach einen Mitspieler von Coentrao bei Benfica Lissabon, der zuletzt immer wieder mit dem spanischen Rekordmeister in Verbindung gebracht wurde. Die Rede ist vom argentinischen Superstar Angel Di Maria. „Er ist ein sehr guter Spieler, der derzeit in einer schwächeren Liga überzeugt. Ich habe daher meine Zweifel, wie er sich in einer der besten Ligen des Planeten machen würde. Außerdem ist der momentan verlangte Preis nicht von dieser Welt. Könnte man ihn für weniger bekommen, dann würde ich einem Transfer zustimmen, doch ich mag es nicht, wenn der Klub bei dem ich arbeite, für einen Spieler solch verrückte Preise bezahlt.“ Klare Ansage von Mourinho, der damit auch ein Signal Richtung Vereinsführung setzt. In den letzten Jahren war es nämlich üblich, für Offensivspieler solch utopische Summen auf den Tisch zu legen - das soll sich ab sofort ändern. „Wir haben solch gute Offensivkräfte, dass ich lieber drei oder vier neue Abwehrspieler hätte.“
Sollte aber ein Stürmer kommen, dann kommt nur einer für Mourinho infrage: Endspielheld und Torgranate Diego Milito. „Er hat alles, was ein Stürmer braucht . Er ist ein fantastischer Torjäger“, schwärmte er, fügte aber sofort an:„Ich denke jedoch, dass er mit Inter Geschichte schreiben möchte und das seine Bestimmung ist. Außerdem kann sich der Klub nicht leisten, einen solchen Mann ziehen zu lassen.“
Ähnliches gilt für Daniele De Rossi vom AS Rom, der laut diversen Medienberichten ebenfalls auf der Liste der Königlichen steht. „Das scheint mir unmöglich, denn De Rossi ist neben Totti der AS Rom. Wenn Totti seine Karriere beendet, wird De Rossi sein Nachfolger sein. Solche Spieler und Identifikationsfiguren kann man nicht verkaufen!“
Ganz anders äußerte sich Mourinho jedoch zu der Liverpool-Legende Gerrard und Chelsea-Ikone Lampard. „Ich mag Fußballer auf ihrem finalen Part ihrer Karriere! Ich mag es, Fußballer im Alter von 33 oder 34 Jahren im Kader zu haben, die bringen in erster Linie die nötige Erfahrung mit. Sie bringen dir zwar irgendwann nicht mehr viel Geld ein, aber sie werden am Zenit ihrer Karriere noch einmal alles aus sich herausholen. Beides sind großartige Spieler, die sich jeder Trainer in der Mannschaft wünscht.“
Zum anderen gibt es weitere personelle Fragen im Kader des 32-fachen spanischen Meisters zu klären. Nämlich wie es mit den beiden Oldies, Guti und Raúl weitergeht. Nachdem Ersterer vor wenigen Tagen ankündigte, doch noch ein weiteres Jahr im weißen Dress zu spielen und doch nicht zu wechseln, scheint Mourinho dem 33-jährigen Vizekapitän nun einen Strich durch die Rechnung zu machen. Raúls Zukunft sei dagegen weiterhin völlig offen. „Den Veteranen soll es gut gehen und sie sollen glücklich sein! Und das können sie entweder, wenn sie bei einem anderen Klub spielen oder bei Real Madrid eine Rolle im Team einnehmen, die sie akzeptieren müssen. Guti ist für mich schon weg. Ich habe gelesen, was er gesagt hat und damit hat sich das. Raúl auf der anderen Seite hat noch nichts von seinen Zukunftsplänen wissen lassen. Wenn ich in Madrid bin, werde ich mich mit ihm in Verbindung setzen, ob per Telefon oder einem persönlichen Treffen.“
Ebenfalls ein Gesprächsthema bei den Königlichen: Ricardo Kaká, der bislang ‚gescheiterte‘ Brasilianer. Schwache Leistungen, viele Verletzungen - der ehemalige Weltfußballer war in der vergangenen Spielzeit nicht wiederzuerkennen. Mourinho vertraut dem 28-jährigen dennoch und glaubt, ihn schon bald zurück zur gewohnter Stärke bringen zu können: „Er ist oft verletzt gewesen und es scheint, als hätte er seine alte Form über die letzten Monate hinweg verloren! Ich sehe es jedoch als kein Problem, ihn wieder dorthin zurückzubringen, wo er vor seinem Wechsel nach Madrid war. Er ist ein Spieler, dem viel Vertrauen entgegengebracht werden muss.“
Gleichzeitig verlangte ‚The Special One‘ aber von seinen Offensivspielern, sich nicht nur um ‚ihre‘ Aufgaben zu kümmern, sondern auch bei der Defensivarbeit helfen müssen. „Bei mir muss jeder die Abwehrarbeit verrichten, auch ein Kaká, Higuaín oder Ronaldo. Jeder muss Opfer bringen.“
Zum Abschluss des großen Interviews sprach Mourinho über Konkurrenzkämpfe, Titelfights und Rivalen der Madrilenen. Allen voran der FC Barcelona, bei dem er ja einst als Co-Trainer tätig war. Dabei stellte er umgehend klar: „Ich bin kein Rivale von irgendeinem Team - weder bin ich Anti-Barcelona, noch Anti-Atlético oder Anti-Milan. Ich bin ein Anhänger Inter Mailands und ab sofort ein Anhänger Real Madrids. Ich will mir nirgends Feinde machen. Das ist nicht meine Absicht, auch wenn ich manchmal etwas provokant rüberkomme.“
Bei Mourinho stellt sich ja oft die Frage, ob er entweder ein äußerst selbstbewusster Gentleman oder doch eine arrogante Diva abgibt. Natürlich schaut man in Spanien jetzt auch auf das Duell Mourinho gegen Guardiola, die beiden wohl besten Trainer der Welt im Vergleich. „Ich habe kein Problem mit Guardiola. Ich kenne ihn schon sehr lange und respektiere ihn sehr, er ist eine großartige Person und wir haben eine gute Beziehung zueinander“, lautete sein Statement. Schon jetzt freut sich der 47-jährige auf den Ligakampf der beiden spanischen Titel-Titanen: „Es werden spannende Spiele und ein spannender Kampf, da Barcelona gut eingekauft hat und stärker als letzte Saison sein wird. Dennoch hoffe ich, dass es nicht nur ein Zweikampf wird, sondern dass Teams wie Atlético oder Mallorca gut mitspielen.“
Sein großes Ziel ist dennoch klar definiert: Titel, Titel, Tiel - nach Chelsea und Mailand fortan Madrid. „Ich will der erste Trainer sein, der mit drei verschiedenen Teams in drei verschiedenen Ligen Titel gewinnt. Natürlich will ich hier das Triple nach Madrid holen, keine Frage. Aber wie gesagt: Dazu muss Real eine Top-Mannschaft werden. Und da bin ich mir meiner Aufgabe bewusst. Mein Leben ist meine Familie und mein Klub. Ich werde keine Zeit haben, hier in Madrid Tennis zu spielen oder zu Golfen - ich werde absolut alles geben, denn ich will hier Titel gewinnen!“
Anzeige
Noch nicht registriert?
Jetzt registrieren!Glücklich, gelöst und vor allem Stolz auf das Erreichte präsentierte sich Cheftrainer José Mourinho...
Fans, Kameras und Bodyguards folgen Cristiano Ronaldo auf Schritt und Tritt. Superstars wie der aus...
Man muss schon ein überzeugter Optimist sein, um zu glauben, an einem Sonntagmorgen um 8:30 Uhr...
Karim Benzema hat dank seiner zwei Treffer gegen San Sebastian Geschichte geschrieben: Der...
Real-Präsident Florentino Pérez legt noch einen drauf! Nach der Präsentation des neuen Bernabéu...
Leserkommentare