06.08.2010, 19:22
Artikel bewerten:
Bewertungen: 5.0 von 5. 5 Stimme(n).
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
Schrift: A-AA+
Teilen

Reportagen

Taktikfuchs Mourinho - Mit neuem System zum Erfolg?

José Mourinho ist kein Trainer, der sich an ein festes System hält. Anders als Manuel Pellegrini rotiert der neue Coach immer wieder, besonders in der Saisonvorbereitung und passt die Aufstellung seinen Spielern an. So kann man von drei verschiedenen und individuellen Formationsausrichtungen ausgehen. Realmadrid.de zeigt und erklärt das System von Taktikmeister Mourinho...

Die Realmadrid.de-Taktikanalyse

„Zu offensichtlich“ - Pellegrini und sein Selbstmord-System

Erinnert man sich an die letzte Saison, denkt man eigentlich sofort an die vielen bitteren Niederlagen und das Versagen in wichtigen Spielen. So verlor man gegen den AC Mailand in der Champions League-Gruppenphase mit 2-3, ging im „Hexenkessel“ von Sevilla völlig verdient und überrumpelt mit 2-1 unter oder zog in beiden Clásicos gegen Barcelona den Kürzeren. Unvergessen bleibt jedoch das Aus in der Königsklasse gegen Olympique Lyon, betrachtet man vor allem das taktische Verhalten der Madrilenen sowohl im Hin-, als auch im Rückspiel. „Manuel Pellegrini hat versagt. Seine Taktik, seine Formation, seine Aufstellung - alles ist gescheitert. Durchschaubar und zu offensichtlich - und vor allem stehen dort elf Einzelspieler, keine Mannschaft“, lautete das Todesurteil der Sportzeitung 'Marca' für den Ex-Coach der Königlichen.

Tatsächlich kann man dem widersprechen, nicht umsonst war das Team von Pellegrini schließlich das, welches die meisten Schüsse auf das Tor brachte und die meisten Treffer (102 in 38 Spielen) erzielte -  auch mehr als der große Rivale aus Katalonien. Dies kam jedoch durch viele Einzelaktionen zustande, selten stand das Team im Vordergrund. Die berühmt berüchtigten Ronaldo-Shows und Higuaín-Tore wurden zur Gewohnheit, trotz eines so breiten Kaders und so viel individueller Klasse. Nahm ein Gegner das Sturmduo (53 Tore zusammen in der Liga) in die Zange, wurde es ganz schwer für Real. Ein Kaká und ein Benzema außer Form, dazu ein System ohne Flügelspieler, machten das Spiel des spanischen Rekordmeisters in jedem Fall „zu durchschaubar“. Gegen schwächere Teams funktionierte das - gegen Milan, Lyon, Barça und Co. wurde aber deutlich, wie unpassend und falsch dieses System war, sei es ein 4-2-2-2 oder ein 4-1-2-1-2 gewesen. 

Flügelspiel war, wie bereits erwähnt, nicht vorhanden. Ziel war es von Manuel Pellegrini, die Außenverteidiger offensiver aufspielen zu lassen. So waren es oft Marcelo oder Sergio Ramos, die bis auf die Grundlinie dribbelten und sich an harmlosen Flanken versuchten. Die Konter im Gegenzug wurden dann oft gefährlich für die Hintermannschaft der Madrilenen. Auch das Abwehrverhalten und Stellungsspiel waren große Schwächen, die nie behoben werden konnten. Besonders der Brasilianer Marcelo war als linker Außenverteidiger oftmals fehl am Platz - als passendes Beispiele für dieses große und desolate Defensivproblem waren die Gegentore gegen Externer LinkSevilla und Externer LinkMilan. Durch teilweise einfache Pässe und Finten ließ sich die gesamte Pellegrini-Abwehr aushebeln. Ein Problem, was auch Externer Linkin wichtigen K.O.-Spielen tödlich sein kann...

Die grundlegende Veränderung unter Mourinho: Das Flügelspiel

Ändern soll sich dies alles unter José Mourinho. „Eine große Mannschaft braucht einen großen Trainer“, heißt es. Zwar kann man für die titellose Spielzeit zwar keinen Manuel Pellegrini verantwortlich machen, doch es waren zweifellos einige Fehler, die der Chilene beging. Es fing schon an bei der Aufstellung: Auf gut Glück kamen die treffsicheren Stars Ronaldo und Higuaín in den Sturm, und das Spiel für Spiel. Viele Akteure, wie Benzema oder Raúl, kamen kaum zum Zug und das Selbsvertrauen, ja die Stimmung innerhalb der Mannschaft, schwankte. „Es wird sich zwar irgendwann ein erfolgreiches System mit einer erfolgreichen Mannschaft durchsetzen, doch die Stammelf kann immer wieder variieren“, erklärte Mourinho seine „Revolution“. Der Portugiese ist ein leidenschaftlicher Taktiker und passt das System seinen Spielern an. Oberste Priorität hat für den 47-Jährigen das Spiel mit zwei Flügelspielern, einen auf rechts und den anderen auf links. „Du kannst nicht ständig durch die Mitte spielen. Zwei Flügelspieler sollen die Stürmer in der Mitte mit Bällen versorgen“, so Mourinho. Es wird dennoch eine Weile brauchen, für welches System sich der Erfolgscoach entscheidet. Klar ist jedoch, dass immer mit Flügelspielern zu rechnen ist. Mit Angel Di Maria und Pedro Léon sind auch zwei Neuzugänge für diese Position zu vermerken, zwei Optionen, die Pellegrini nicht hatte. „Es war für uns klar, dass auf dieser Position Verstärkungsbedarf war“, gab Generaldirektor Jorge Valdano zu. Nun hat man auch noch mit Cristiano Ronaldo, der absofort wieder auf seiner Stammposition zu Hause ist, einen weiteren, gesetzten Flügelflitzer.

3 Formationen, 1 Gedanke: Das perfekte System für das perfekte Team

Bislang haben sich, vor allem während den Trainingseinheiten in den USA, drei verschiedene Ausrichtungen herauskristallisiert. 'The Special One' denkt an ein 4-2-3-1, ein 4-3-3 und ein 4-4-2. 

Gegen den mexikanischen Klub Ámerica präsentierte der Coach zunächst das 4-2-3-1, mit den zwei Flügelspielern Cristiano Ronaldo auf links und Pédro Leon auf rechts. Beide sollten über die Außen Druck erzeugen und den Spielmacher im Mittelfeld, Sergio Canales, entlasten. Dieser sollte alle Freiheiten bekommen, im Hintergrund abgesichert von zwei defensiven Mittelfeldspielern, Gago und Lassana Diarra. Die beiden „Sechser“ vor der Abwehr sollen aus einem echten Zerstörer, einem Mann, der die Bälle erkämpft, bestehen, sowie aus einem Strategen, der die Ruhe hat und das Spiel versucht von hinten heraus aufzubauen. Perfekt wären da beispielsweise die Kombinationen Khedira-Alonso oder Lass-Alonso. Im Sturm sollte gegen Club Ámerica dann Karim Benzema das Offensiv-Quartett um León, Ronaldo, Canales vervollständigen. Mourinho wünscht sich einen Mittelstürmer, der sowohl treffsicher, als auch spielstark ist. Mit Higuaín und Benzema (in Form) hat man solche Akteure. Dies lässt sich übrigens auch gut mit Inter Mailands Diego Milito vergleichen, der als einziger Stürmer dank zweier Flügelspieler (Eto'o und Pandev) und einem Spielmacher mit allen Freiheiten (Sneijder), eine ganze Abwehr beschäftigen konnte. So funktionierte dieses System auch gut gegen Club Ámerica, besonders im ersten Durchgang. Sicheres Passspiel im Mittelfeld, mit vielen Angriffen über die Außenbahnen. Das Spiel „breit machen“, lautet das Motto. Die logische Schlussfolgerung war Externer Linkdas schön herausgespielte 1-0 durch Sergio Canales. „Wir spielten dieses System, weil es in meinen Augen perfekt für die Spieler war, die von Beginn an spielten. Es war das beste System für Ronaldo, León und Canales“, meinte Mourinho im Anschluss seiner ersten Partie  und seines ersten Erfolgs als Trainer von Real Madrid.

Doch Mourinho wäre nicht Mourinho, wenn er nicht weiterhin rotieren und sein System überdenken würde. Das 4-3-3 und 4-4-2 stünden noch zur Auswahl. In die erste Elf beim 4-3-3 könnte möglicherweise so aussehen: Casillas - Ramos, Pepe, Albiol, Marcelo - Xabi Alonso, Khedira - Van der Vaart/Canales (Kaká derzeit verletzt) - Ronaldo, Di Maria, Higuaín.

Das 4-4-2 wäre von den Spielern her ähnlich, mit Ausnahme, dass ein defensiver Mittelfeldspieler durch einen Stürmer ersetzt wird. Karim Benzema würde dann neben Gonzalo Higuaín stürmen. Eine gute Variante, sofern man auf volles Offensivrisiko gehen möchte. 

„Es sind elf Spieler - die Ronaldo entlasten sollen“

Doch hinter all diesen Ausrichtungen und schematischen Formationen steckt noch viel mehr. Schaut man sich zum Beispiel die Abwehr an, hat man momentan die gleiche Stammverteidigung wie zu Beginn der letzten Saison. Auch Marcelo spielt erneut als linker Verteidiger. In Spanien spricht man davon, dass dies auch so bleiben würde, da als einziger Ashley Cole für diese Position in Frage käme, aber unmöglich zu verpflichten sein wird. Mourinho soll Marcelo endgültig als Defensivmann umschulen und ihm die passenden Worte mit auf den Weg geben. Arbeloas Einsatz als Stamm-Linksverteidiger spricht gegen seinen starken rechten Fuß.

Die nächste Veränderung unter Mourinho wird die Rolle von Cristiano Ronaldo sein. Der Portugiese war neben Higuaín DIE Lebensversicherung im Angriff der Madrilenen. Als Flügelspieler soll 'CR7' mehr Freiheiten erhalten und den Druck genommen bekommen: Ich möchte ihn von diesem Druck befreien, aber in einer objektiven Art, nicht fiktiv. Er kann sich nämlich nur verbessern, wenn sich das ganze Team verbessert. In der vergangenen Saison war er derjenige, der in vielen Momenten die Last des ganzen Teams übernommen hatte. Wenn in einer entscheidenden Partie der Gegner eine gute Strategie entwickelt hatte, um ihn zu stoppen oder er einfach einen schlechten Tag erwischte, litt das ganze Team. Das ist schlecht für einen Spieler, egal wie gut er ist. Das Team braucht ihn, darf aber auf keinen Fall von ihm abhängig sein und er muss für das ganze Team arbeiten, nicht nur für sich selbst.

Es wird also auf alle Fälle eine Revolution in der Art und Weise des Spiels von Real Madrid geben. Die Mannschaft steht im Mittelpunkt, nicht der einzige Starspieler. Eigentlich ein 'Anti-Galáctico', dieser José Mourinho. Einer, der seine eigenen Gesetze hat und sie seinem Arbeitgeber nah bringen möchte.  Einer, der sogar wieder auf Jugendspieler baut. Pellegrini erhielt Vorgaben, Mourinho erteilt Vorgaben. Die eingekauften Spieler sind mit Bedacht eingekaut worden - ein Plan steckt dahinter. Ob und wie der Plan in die Tat umgesetzt wird, zeigen die nächsten Wochen und Monate - auch wenn die Handschrift des Coaches schon jetzt im Spiel Real Madrids zu erkennen ist...

geschrieben von Kerry Hau

Anzeige

Leserkommentare

Anzeige

Frage der Woche

Er (Dirigent, 30) sucht ihn, beständigen Partner im zentralen Mittelfeld – wer darf's sein?

Peña - Login

Noch nicht registriert?

Jetzt registrieren!

Letzte Forenbeiträge